Dieter Hasselblatt
Aufklärung eines Modelle-Falls
oder Modelle Delphin, Hiob, Säurebad
Roman

Herausgegeben von Heidelinde Hasselblatt und Horst G. Tröster,
Covergestaltung szenario arts, Rudolf Hasselblatt
unter Verwendung von Originalen von Dieter Hasselblatt.
Mit einem Nachwort des Herausgebers und einer Bibliographie.
Books on Demand GmbH, Norderstedt, edition consolator 2004.
175 Seiten, ISBN 3-8334-1760-9.
20,-- Euro. Bestellung portofrei
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 "Er hat ein unübersehbares Kapitel der Hörspielgeschichte geschrieben: von seiner Lektoratsarbeit im Südwestfunk über seine glanzvolle Zeit als Leiter des Hörspiels im Deutschlandfunk bis hin zu jener ‘Ära Hasselblatt’ im Bayerischen Rundfunk", schrieb Christoph Lindenmeyer, BR-Hauptabteilungsleiter Kultur, "vielen jungen Leuten hat er die Liebe zu Hörspiel über Kompetenz, Förderung und Zuneigung vermittelt, die internationale Science-Fiction-Szene verehrte ihn wie kaum einen anderen."

Dieter Hasselblatt, langjähriger Hörspielchef, engagierter Streiter für die Sache Science Fiction, Autor von 25 Hörspielen und 12 Romanen und Sachbüchern, braucht nicht eigens vorgestellt zu werden. Aber wer hätte gewusst, dass er in seinen letzten Lebensjahren noch einen weiteren Roman geschrieben hat?

Der bekannte Physiker und Autor Herbert W. Franke hat das Manuskript als einer der ersten gelesen und schrieb begeistert: "Eine junge Wissenschaftlerin wird zur Klärung eines rätselhaften Todesfalls im Rahmen eines wissenschaftlichen Versuchs herangezogen und gerät in den Bann einer fiktiven Welt, die höchste Anforderungen stellt, aber auch unbeschreibliches Glück verheißt. Es geht um zutiefst menschliche Probleme, um die Frage, wie sich ein intelligentes Wesen in der Konfrontation mit fremdartiger Intelligenz verhält. Und schließlich führt dieses Geschehen in die Tiefe der Psyche – dort, wo die Herausforderung an unsere intellektuelle Kraft übermenschlich wird und die Lösung der gestellten Aufgabe ein gesteigertes Glücksgefühl auslöst, dem der Mensch nicht gewachsen ist. Genügend Stoff für ein zeitkritisches Sachbuch oder ein philosophisches Werk über Realität und Schein – und doch spannend wie ein Kriminalroman. Und die angebotene Lösung ist so beeindruckend, dass man sich noch durch Wochen hindurch immer wieder daran erinnert."

Am 5. Februar 1997 erreichte Hasselblatt das Schreiben eines Verlags in Siegen, Aufklärung eines Modelle-Falls sei zur Veröffentlichung angenommen und werde zur Frankfurter Buchmesse im Herbst desselben Jahres erscheinen. Dieter Hasselblatt konnte sich über diese Nachricht nicht lange freuen. Genau zwei Wochen später, am 19. Februar, ist er im Alter von 71 Jahren gestorben. Seither lag der Roman auf Eis. Jetzt endlich ist er doch noch erschienen.

25 Jahre früher hatte Hasselblatt während einer freiwilligen Klausur im Kloster Ettal jene beiden Hörspiele geschrieben, auf denen – Hörspielfreunde werden es natürlich sofort bemerken – der vorliegende Roman basiert. Mit der Schilderung von Virtual Reality hatte er eine Entwicklung vorweggenommen, die damals völlig utopisch war. Vergessen wir nicht, dass die ersten integrierten Schaltungen erst 1962 zur Verfügung standen und der von der NASA 1969 bei der Mondlandung eingesetzte Computer heute mühelos von jedem PC übertroffen wird. 1994, als er die Niederschrift des Romans beendet hatte, war an ein Interface, an physiologischen Kontakt mit simulierten Welten, dem "Cyberspace", nicht zu denken, und auch heute sind wir noch weit davon entfernt. Und doch sollte man sich vor Augen halten, dass die geschilderte Simulationsanlage für Hasselblatt nie Selbstzweck war. Seine Aufmerksamkeit galt nicht der technischen Machbarkeit, sondern den Möglichkeiten, die eine solche Anlage eröffnen könnte. Ihn interessierte das spielerische Ausprobieren von Situationsmodellen, phantasievolles Ersinnen und planvolles, stringentes Durchspielen. Phantasie und Kalkül.

In der Fachzeitung FUNK-Korrespondenz lobte der Kritiker Harry Neumann die "Fülle der kulturgeschichtlichen Anspielungen und geistreichen Querverbindungen" und schrieb, was Hasselblatt vorführe, sei keine in die Zukunft projizierte Spinnerei, "sondern eine Parabel von den Möglichkeiten menschlichen Glücks hier und heute!" In der Umwandlung des Schlüsseltzitats von "Zwietracht und Einfalt" zu "Zwiefalt und Eintracht" liege mehr als nur ein Wortspiel: "Darin steckt ein Verständnisangebot für den Weg der Menschen zur wirklichen Freiheit; es ist eine Formel, die eine neue Weise des Denkens erschließen könnte, wenn man sie zu handhaben weiß. Zusammen mit der anderen, ‘nichts außerhalb der Welt, sondern alles drin’ und der kritischen These ‘Die Gesellschaft bin jeweils ich’ hat Hasselblatt hier eine Denk- und Lösungsfigur gegeben, an der sich Philosophen die Zähne ausbeißen sollten."

Leseprobe:

"Also hat man mit einem tödlichen Ausgang von vornherein gerechnet?"

Seidenfeld verneinte energisch und schüttelte den Kopf. "Nicht in dem Sinn gerechnet. Aber ein genau durchkalkuliertes Programm muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Auch eine extreme Möglichkeit."

Corinna Byltrand zweifelte und strich sich mit der Hand über die Stirn, zog aus ihrer flachen Aktenmappe die Tafel der Modelle heraus, legte das DIN-A3-Blatt vor sich auf den Schoß und schaute sich diese eigenartige Tafel noch einmal genau an. "Das ist also das so genannte Trainingsprogramm?"

"Nein", sagte Dr. Seidenfeld zu ihr auf den Schoß schauend, "das sind die Modelle, die Situationsmodelle. Das Trainingsprogramm wechselt, die einzelnen Trainingsprogramme sind nie gleich. Sie werden vom Programmiercomputer für jeden Durchgang neu programmiert."

"Aha?" Corinna Byltrand musste nachdenken.

Was von Dr. Seidenfeld sofort mit einer spöttischen Frage quittiert wurde. "Reflexionen? Worüber?"

"Keine Reflexionen. Ich lese hier auf der Tafel der Modelle erstens Delphin, zweitens Kleistbär, drittens Hiob, viertens Kirke, fünftens Steinerner Gast oder Komtur, sechstens Heisenberg, siebtens Stahlfeder im Säurebad. Das hat mich mit am meisten verdutzt."

Seidenfeld wich aus. "Das sind die Modelle, wie gesagt, also der Fahrplan für die Trainingsprogramme."

"Trainingsprogramme? Handelt es sich nicht eher um Belastungstests?"

"Training ist immer Belastung."

"Aber diese ‘Trainingsprogramme für die Begegnung mit außermenschlichen Intelligenzen’ scheinen in hohem Maße belastend zu sein – oder?"

[...]

"Bitte Schnellinformation über Ausrüstung."

"Normaler Schutzanzug mit Kurzzeitproviant, keine Waffe; Taschenlampe, Schreibmaterial, Kleinkassetten-Rekorder, Dunkelheitsfernglas."

"Habe ich also Papier dabei, irgendwelche Folien, einen Spiegel?"

"Papier in kleinen Streifen, Folien keine, außer eingearbeitete Folie in Schutzanzug. Spiegel keinen."

"Habe ich die normale Quarzuhr mit Elektronik, Weckvorrichtung, Hygrometer, Barometer und Thermometer dabei?"

"Zur Information nur: normale Quarzuhr mit Elektronik, Weckvorrichtung, Hygrometer, Barometer und Thermometer am linken Arm, da T Rechtshänder."

"Dann hab ich’s."

"Was hat T?"

"Ich nehme die Uhr ab, drehe sie um und benutze die Rückseite als Spiegel."

"Spiegel dient wozu?"

"Spiegel ist Antwort auf deren spiegelnde Halbschalen."

"Richtig. Die Stelz-Staks-Aggregate kommen näher. Halbkreis um T. – Reaktion T?"

"Da übergeordnete Kommunikation, kann geschlossen werden, dass NMI hier nicht in einem Organismus angesiedelt ist, sondern sich in einem Zusammenhang von mehreren aufeinander angewiesenen Wuchsformen oder Lebewesen präsentiert."

"Richtig. Weitere Analyse?"

"Also muss ich dieser polymorphen Figuration von NMI wiederum T-Charakteristik signalisieren."

"Richtig – wie signalisiert T dies?"

"Ich gebe meine Uhr her."

"Wird Uhr nicht mehr weiter benötigt?"

"Uhr wird benötigt, um kritische Situation zu klären."

"Was könnte eine Quarzuhr mit Weckvorrichtung, Elektronik, Thermometer, Barometer, Hygrometer signalisieren?"

"Sie könnte einer NMI von polymorpher Figuration mit technologischen Aggregaten, pflanzlich-tierischen Wuchs- und Wucherformen und Strahlungsintensitäten einmal das Periodizitätsbewusstsein der Konstrukteure einer solchen Uhr signalisieren, dann die Umweltbezogenheit und Umweltunabhängigkeit."

"Inwiefern Umweltbezogenheit und Umweltunabhängikeit?"

"Umweltbezogenheit, weil Thermometer, Hygrometer, Barometer eingebaut sind, Umweltunabhängigkeit, weil solche Geräte nur dann sinnvoll sind, wenn – sagen wir mal – ein streunendes Grundverhalten angesetzt werden kann."

"Terminus ‘streunendes Grundverhalten’ wird in Datenspeicher eingespeist."